25 Jahre Constructor University: Hashem Al-Ghaili – der Influencer
Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Constructor University stellen wir Alumni aus jedem Abschlussjahrgang vor, um die Vielfalt, Werte und Wirkung zu zeigen, die Constructor-Absolvent*innen in die Welt getragen haben. Hier finden Sie die vorherigen Artikel:
- Jahrgang 2004: Aakash Jain
- Jahrgang 2005: Neil D’Souza
- Jahrgang 2006: Joanna Bagniewska
- Jahrgang 2007: Dr. Binyam Mogessie
- Jahrgang 2017: Arka Halder
Diese Woche stellen wir Hashem Al-Ghaili aus dem Abschlussjahrgang 2015 vor, damals Student der Molekularbiologie, heute ein weltweit bekannter Wissenschaftskommunikator, der die Grenzen von Wissenschaft, Storytelling und neuen Technologien verschiebt.
Über mich:
- Abschlussjahr: 2015
- Studiengang: Molekularbiologie
- Eine besondere Erinnerung: Als ich Schwierigkeiten hatte, mich einzuleben, ging ich zu Professor Sebastian Springer, und er sagte: „Die Tatsache, dass du hierhergekommen bist, bedeutet, dass du bereit bist zu lernen. Wann immer du Probleme hast, komm zu mir, und ich werde da sein, um dir zu helfen.“
- Was mich immer entspannt hat: Ein Spaziergang durch den Knoops Park neben dem Campus
- Mein stolzester Moment: Die Abschlussrede zu halten, nachdem ich anfängliche Anpassungsschwierigkeiten überwunden hatte
Als Hashem Al-Ghaili im Juni 2026 auf den Campus der Constructor University zurückkehrte, um eine Rese bei der diesjährigen Abschlussfeier zu halten, brachte er eine Botschaft mit, die durch seinen eigenen unkonventionellen Weg geprägt wurde: dass Leidenschaft, nicht Prestige, den weiteren Lebensweg leiten sollte.
Ein Jahrzehnt nach dem Abschluss seines Masterstudiums in Molekularbiologie an der damaligen Jacobs University hat sich Hashem etwas Bemerkenswertes aufgebaut – eine globale Plattform, die über 45 Millionen Menschen erreicht und deren Wissenschaftsinhalte mehr als 100 Milliarden Mal aufgerufen wurden. Als Filmemacher und Wissenschaftskommunikator nutzt er innovative KI-Filmtechniken und spekulative Konzepte, um komplexe Wissenschaft zugänglich zu machen.
Wir haben uns mit Hashem zusammengesetzt, um über die Entscheidung zu sprechen, die alles verändert hat, warum er sich für die Kommunikation und gegen das Labor entschieden hat und was es braucht, um eine Karriere an der Schnittstelle von Wissenschaft, Kreativität und neuen Technologien aufzubauen.
Entscheidungsfindung ist ein zentrales Thema unseres 25-jährigen Jubiläums. Du standest nach deinem Masterabschluss vor einer wichtigen Entscheidung – ob du promovieren oder einen anderen Weg einschlagen willst. Wie bist du dabei vorgegangen?
Das mag paradox klingen, aber ich will ehrlich sein: Es war die Entscheidung für etwas, von dem ich wusste, dass mein Potenzial darin weitaus größer war als bei der Alternative.
Als ich an der Jacobs University war, habe ich überlegt, ob ich nach meinem Master promovieren soll. Das klang fantastisch, aber es hätte bedeutet, auf das Laborumfeld beschränkt zu sein. Ich hätte keine Zeit gehabt, auf Social Media zu posten. Stell dir vor, du triffst deinen Professor am Tag nach der Veröffentlichung eines Posts, und er sagt: „Es tut mir leid, aber das Posten auf Facebook ist keine Entschuldigung dafür, die Aufgaben nicht erledigt zu haben.“ Das fühlte sich nicht richtig an.
Also entschied ich mich für die Wissenschaftskommunikation. Als ich die Chance bei Futurism bekam – einem Medienunternehmen, für das ich damals arbeitete –, wurde mir klar, dass ich dort größeres Potenzial hatte. Der Bedarf an Wissenschaftskommunikatoren war groß, und es war fruchtbarer Boden, da das noch nicht viele Leute machten. Ich habe die Chance ergriffen, und das ist eine der Entscheidungen, die ich nie bereuen werde.
Du hast dich schon vor Beginn deines Studiums sehr für Wissenschaft interessiert. Wie hat das Studium der Molekularbiologie deinen Werdegang geprägt?
Genau. Seit meiner Kindheit wollte ich immer dieser Wissenschaftler sein, der im Labor arbeitet und verrückte Dinge erschafft. Dann habe ich eine andere Richtung eingeschlagen – die gar nicht so weit weg von der Wissenschaft ist. Ich mache immer noch Wissenschaft, nur eben mehr auf der kreativen Seite.
Was mir diese Universität gegeben hat, war etwas ganz Bestimmtes und Prägendes. Ich habe einen Immunologiekurs bei Professor Sebastian Springer belegt, und die Art und Weise, wie er die Dinge erklärte, war sehr stark vereinfacht. Er nahm komplexe Konzepte und brach sie so herunter, dass jeder sie verstehen konnte. Dieser Ansatz hat meine Karriere in der Wissenschaftskommunikation mitgeprägt – seine Art, Dinge zu erklären, hat mir gezeigt, wie man Wissenschaft zugänglich macht.
Professor Springer hat dich auch in der schwierigen Anfangsphase unterstützt. Kannst du uns mehr darüber erzählen?
Als ich an der Constructor University, damals Jacobs University, ankam, kam ich von einer Universität in Pakistan, an der das Bildungssystem hauptsächlich theoretisch war. An der Jacobs University war alles praktisch – ein völlig anderer Ansatz. Am Anfang bereitete mir das Schwierigkeiten, also ging ich zu Professor Springer, dem Leiter meines Studiengangs.
Ich sagte ihm, dass ich mich schwer tue, und fragte ihn, ob er die richtige Entscheidung getroffen habe, mich für das Programm zuzulassen. Er sagte etwas, das ich nie vergessen werde: „Wenn du mit diesem Problem nicht zu mir gekommen wärst, hätte ich gesagt, dass du nicht bereit bist zu lernen. Aber die Tatsache, dass du hierher gekommen bist, zeigt mir, dass du wirklich lernen willst. Mach dir keine Sorgen. Wann immer du Probleme hast, komm einfach zu mir und ich werde da sein, um dir zu helfen.“
Das hat mir viel Kraft gegeben, mich durchzubeißen und all die Schwierigkeiten zu überstehen, weil ich wusste, dass uns großartige, unterstützende Menschen zur Seite standen.
Du hast dir inzwischen eine außergewöhnliche Karriere als Wissenschaftskommunikator und Filmemacher aufgebaut und erreichst weltweit Milliarden von Menschen. Was bedeutet dir die Beziehung zwischen deiner Leidenschaft für Wissenschaft und deiner Liebe zum Storytelling?
Für mich sind das zwei Seiten derselben Medaille. Wenn man sich das Storytelling im Laufe der Menschheitsgeschichte anschaut – angefangen bei den Zeichnungen in alten Höhlen über die Erfindung von Papier, Tinte, Buchdruck, Fotografie und Film bis hin zu Virtual Reality und KI heute –, hat es sich ständig weiterentwickelt. Die Technologien werden immer besser, aber das grundlegende Element hat sich nicht verändert. Eine Geschichte ist immer noch eine Geschichte mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende. Es sind nur das Medium und der Stil, die sich ändern, und ich versuche, Schritt zu halten.
Die Wissenschaft ist für das Wissen da, und die Kunst ist dazu da, dieses Wissen zu verbreiten. Man braucht immer beides, wenn man möchte, dass die Menschen sich für das interessieren, was man ihnen erzählt, und sich darauf einlassen. Das geht nicht ohne das richtige Medium und eine kreative Präsentation. Ich habe sie schon immer als Ergänzung zueinander gesehen und ich liebe beide.
Wann hast du angefangen, diese Interessen miteinander zu verbinden? War das etwas, das du bereits während deiner Zeit an der Constructor University getan hast?
Ja. Eines der Dinge, die ich damals ins Leben gerufen habe, hieß „This Week in Science“ – eine wöchentliche Infografik, die jeden Sonntag veröffentlicht wurde und sechs bis acht Wissenschaftsgeschichten aus verschiedenen Bereichen vorstellte. Sie gingen jedes Mal viral.
So bin ich zu meinem ersten Job bei Futurism gekommen. Eine Gruppe von Leuten in New York sah meine Arbeit, kam auf mich zu und sagte: „Wir möchten dir eine freie Mitarbeit anbieten, bei der du von Deutschland aus Wissenschaftskommunikation für unsere Plattform machen kannst.“ Ich habe zugesagt und mich direkt in die Arbeit gestürzt.
Welchen Rat würdest du Studierenden an der Constructor University geben, die vor einer ähnlichen Weggabelung stehen – die eine Leidenschaft für die Wissenschaft haben, sich aber auch zu kreativen oder unkonventionellen Wegen hingezogen fühlen?
Erstens: Entscheide dich nicht für etwas, wofür du keine Leidenschaft empfindest, um ein Burnout zu vermeiden. In meinem ganzen Leben hatte ich, glaube ich, noch nie ein Burnout, weil jeder Tag ein neuer Tag ist – ich lerne neue Dinge und veröffentliche Informationen über neue Themen. Sei dir sicher, dass du dich wirklich für das interessierst, was du tust.
Zweitens: Geduld ist sehr wichtig, besonders am Anfang. Die Ergebnisse stellen sich vielleicht nicht sofort ein. Bei mir war es so, dass ich 2008 angefangen habe und sieben Jahre lang konsequent am Ball geblieben bin, bis ich 2015 endlich Ergebnisse sah.
Drittens: Ruhm und Geld sollten nie das Ziel sein. Sie waren nie mein Ziel – sie sind die Nebenprodukte von Leidenschaft. Wenn man leidenschaftlich ist und liebt, was man tut, kommt alles andere von ganz allein. Jage dem Ruhm nicht hinterher, denn wenn du ihn erreicht hast, wirst du dich fragen: „Was bleibt jetzt noch?“ und dich irgendwie leer fühlen. Ruhm sollte nie das Endziel sein.
Viertens: Es gibt da draußen eine Menge Ressourcen und Konkurrenten. Es ist hilfreich zu beobachten, was sie tun, und zu versuchen, das nachzuahmen – daran ist überhaupt nichts Verwerfliches.
Und zu guter Letzt: Nutze künstliche Intelligenz. Nimm sie an und integriere sie in jeden erdenklichen Arbeitsablauf, denn sie wird die Dinge einfacher, schneller und effizienter machen, und die Ergebnisse werden fantastisch sein.
Du unterrichtest jetzt KI-Filmemachen in Dubai und entwickelst Arbeitsabläufe, die die KI-Filmbranche maßgeblich prägen. Was begeistert dich am meisten am Potenzial dieser Technologie?
Mich begeistert, dass das KI-Filmemachen es Menschen ermöglicht, Geschichten zu erzählen, ohne durch Budgets eingeschränkt zu sein. Es ist günstiger, schneller und liefert eine Qualität, die auf Augenhöhe mit Hollywood-Produktionen ist. Das bedeutet, dass eine ganze Generation von Menschen die Kunst des Storytellings meistern und Geschichten auf eine Art und Weise erzählen wird, wie wir sie noch nie zuvor gesehen oder gehört haben.
Ich entwickle kontinuierlich Workflows für das KI-Filmemachen und treibe sie mit jedem Film, den ich mache, weiter voran. Jedes Projekt wird zu einer Chance, den Prozess zu verfeinern, neue kreative Möglichkeiten zu erkunden und zu demonstrieren, was mit dieser Technologie alles machbar ist. Zu sehen, wie diese Filme beim Publikum Anklang finden und auf der ganzen Welt geteilt werden, motiviert mich, weiterhin Arbeitsabläufe aufzubauen, die die Zukunft des KI-Filmemachens mitgestalten.
Was bedeutet es dir, an die Constructor University zurückgekehrt zu sein, um eine Rede bei der diesjährigen Absolventenfeier zu halten?
Es war unglaublich bedeutsam. Wenn ich vergleiche, wo ich angefangen habe – wie ich in den ersten Monaten darum kämpfen musste, mich an ein völlig anderes Bildungssystem anzupassen –, mit dem Moment, in dem ich auf dieser Bühne stand und die Abschlussrede hielt, erfüllt es mich mit großem Stolz, all diese Herausforderungen gemeistert und es bis zu diesem Punkt geschafft zu haben.
Es war auch eine Gelegenheit, den Kreis zu schließen und das zu teilen, was ich gelernt habe: dass der Weg nach vorne nicht immer geradlinig verläuft, dass Leidenschaft wichtiger ist als Prestige und dass die manchmal wichtigste Entscheidung die ist, den Kurs anzupassen, wenn man eine bessere Chance sieht – selbst wenn es nicht der Plan war, mit dem man begonnen hat.
Wenn du 25 Jahre in die Zukunft blicken und die Auswirkungen deiner Arbeit sehen könntest, was würdest du hoffen vorzufinden?
Ich fange bereits an, es zu sehen. Ich erhalte Hunderte von Nachrichten von Menschen, die sagen, dass sie unschlüssig waren, was sie im Leben tun sollten, und dann einen Beitrag von mir sahen – vielleicht über einen Wissenschaftler, der Stammzellen zur Regeneration nutzt. Sie schreiben mir Dinge wie: „Vor vier Jahren wusste ich nicht, wie es weitergeht, und jetzt habe ich gerade meinen Doktortitel in der Stammzellforschung gemacht – alles dank deines Beitrags.“ Oder: „Du hast mich auf eine Behandlung aufmerksam gemacht, von der ich nicht wusste, dass sie existiert, und sie hat das Leben meiner Mutter gerettet.“
Man weiß nie, wie groß der Einfluss ist, den man hinterlassen hat, weil man diesen Menschen nicht persönlich begegnet. Es ist einfach großartig, so etwas zu lesen.
Wenn ich in die ferne Zukunft blicke, möchte ich sehen, dass meine Arbeit eine Generation von Lernenden und Denkenden inspiriert hat – nicht solche, die Informationen einfach auswendig lernen, sondern Menschen, die kritisches Denken nutzen, um Dinge zu hinterfragen, bevor sie entscheiden, ob etwas real ist oder nicht, besonders in einer Zeit, in der sich Fehlinformationen so leicht verbreiten. Eine Generation von analytischen Denkern.
Ebenso eine Generation von Menschen, die wissen, was sie im Leben tun wollen – denn die Berufswahl ist eine der größten Unsicherheiten, mit denen Menschen konfrontiert sind.
Und aus dem Bereich der KI eine Generation von Menschen, die Geschichten erzählen werden, welche die Gesellschaft prägen und die menschliche Kreativität auf nie dagewesene Weise steigern. Das sind die Dinge, die mich begeistern.
Vielen Dank für deine Zeit, Hashem!
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