25 Jahre Constructor University: Neil D’Souza, der Macher
Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Constructor University stellen wir Alumni aus jedem Abschlussjahrgang vor, um die Vielfalt, Werte und Wirkung zu zeigen, die Constructor-Absolvent*innen in die Welt getragen haben. Diese Woche stellen wir euch einen besonderen Absolventen der Abschlussklasse von 2005 vor: Neil D'Souza.
Über mich:
- Abschlussjahr: 2005
- Studiengang: Geowissenschaften und Astrophysik
- College: erst Krupp, dann C3 direkt nachdem es gebaut wurde
- Ein unvergesslicher Moment: als ich zum ersten Mal den Campus gesehen habe.
- Was ich am Campus am meisten vermisse: die Lebensphase mit der größten Freiheit und den wenigsten Verpflichtungen.
- Meine Constructor Erfahrung in 3 Worten: international, intensiv, lehrreich
Als Neil D’Souza die Leitung der International University Bremen (IUB) davon überzeugte, gemeinsam mit seinen Partnern „TheOtherSide“ (TOS) zu eröffnen, legte er den Grundstein für eine Institution. Die von Studierenden geführte Campus-Bar bietet Constructor-Studierenden seit über 20 Jahren einen lebendigen und sicheren Ort zum Entspannen – und für D’Souza war sie der Beginn einer lebenslangen Mission: Dinge zu erschaffen, die ihn selbst überdauern. Genau wie heute eine neue Generation von Studierenden das TOS betreibt, folgt D’Souza seinem Pioniergeist bis heute als Gründer und CEO von Makersite. Sein Software-Unternehmen revolutioniert durch KI die Transparenz von Produkten und macht nachhaltiges Design sowie Beschaffung zugänglicher.
Wir haben uns mit Neil zusammengesetzt, um über den Wert von „Learning by Doing“ zu sprechen, darüber, wie man Beständiges schafft und warum Unentschlossenheit die einzige schlechte Entscheidung ist.
Gibt es Aspekte in deinem Leben, die du auf einen besonderen Moment als Student an der Constructor University zurückführen kannst?
Die prägendste Erfahrung für meine Rolle als CEO war die Mitbegründung und der Aufbau der studentischen Bar “TheOtherSide” (TOS), etwas das allein durch den Gestaltungsfreiraum ermöglicht wurde, den die Universität Studierenden wie mir gab. So sah ich mich mit Situationen konfrontiert, die andere erst viel später in ihrem Leben erleben würden, wenn überhaupt: nämlich das Verhandeln mit Behörden allein um existieren zu dürfen, oder eine diverse Gruppe davon zu überzeugen, Zeit und Energie in etwas zu investieren, dass sie mit ihren eigenen Händen bauen sollten, Eventmanagement und all die nervigeren Tätigkeiten, die damit einhergehen und das alles ohne finanziellen Anreiz.
Das ist nicht bloß Theorie. Das ist Führung mit begrenzten Mitteln. Es hat mich außerdem früh gelehrt, die Interessen und Erwartungen aller Beteiligter miteinzubeziehen. Auf der einen Seite die Studierenden, die immer mehr wollten, auf der anderen die Campus-Aufsicht, die aufgrund von Nachbarschaftsbeschwerden weniger verlangten. Das war ein konstanter Balanceakt. Das Wertvollste daran war jedoch, etwas zu erschaffen, dass uns alle überdauert hat. TOS wurde noch zehn Jahre später weitergeführt und existiert auch heute, 25 Jahre später, noch genauso. Die zwei wichtigsten Aspekte für den Bestand und den Erfolg, waren die Absicht und die Kultur dahinter, also das Warum und das Wie. Nur sehr wenige Menschen machen eine solche Erfahrung so früh in ihrem Leben und dieser Pionierspirit hat mich seitdem nicht mehr verlassen.
Entscheidungsfindung scheint dabei ein wichtiger Faktor gewesen zu sein und ist zudem ein zentrales Thema unserer 25-Jahr-Feier. Welche Entscheidungen haben deinen Lebensweg maßgeblich beeinflusst?
Ohne jemanden vor den Kopf stoßen zu wollen, aber meiner Meinung nach gibt es keine guten oder schlechten Entscheidungen. Den einzigen Fehler, den man machen kann, ist sich nicht zu entscheiden, zu lange zu warten und die Wahl einfach verfallen zu lassen. Manche Entscheidungen führen dich entlang der Panoramaroute, andere auf den direkten Weg. Rückblickend scheinen sie alle zusammenzulaufen und du endest dort, wo du sein sollst, nur mit unterschiedlichen Erfahrungen im Gepäck. Ich denke nicht, dass meine Entscheidungen unbedingt einzigartig sind. Es sind dieselben, die den Lebensweg aller beeinflussen: wo studiert man, wer sind die Freunde und der Partner, welchen ersten Job sucht man sich aus, wo lässt man sich nieder, und wann erfolgt der erste bedeutsame Karriereschritt. Constructor University, damals noch International University Bremen, war das erste Umfeld, in dem ich derlei Entscheidungen selbstständig treffen konnte und mit den entsprechenden Konsequenzen leben musste. Das sind die wahren Stellschrauben im Leben, alles andere ist nur noch Optimierung.
In deinem Fall haben dich die Entscheidungen von einem Studium in Geowissenschaften und Astrophysik zu der Gründung und Führung eines KI-gestützten Software-Unternehmens geführt. Welche Verbindung siehst du zwischen deiner Studienwahl und deinem Karriereweg?
Als ich an die Constructor University kam, wollte ich tatsächlich KI studieren, doch habe ziemlich schnell das Interesse an der Theorie verloren. Die Kurse von Professor Laurenz Thomsen stießen mich auf das Thema Klimawissenschaft, was bei mir ein radikales Umdenken bewirkt hat – ein Wandel, der ohne die Flexibilität der Universität vermutlich so nicht stattgefunden hätte. Es folgten studentische Aushilfsjobs, ein Master in Umweltphysik an der Universität Bremen und im Anschluss eine Anstellung in Stuttgart, bei der ich Herstellern half, den Einfluss ihrer Produkte auf die Umwelt zu verstehen. Irgendwo auf dem Weg zeichnete sich ab, dass die Verbindung von Produktnachhaltigkeit und KI eine echte Chance seine könnte und so hat sich der Kreis für mich geschlossen. Makersite ist sozusagen das Ergebnis meines Weges, gemischt mit etwas Glück und Durchhaltevermögen.
Hast du noch Kontakt zu Bekannten aus deiner Zeit an der Constructor University?
Ja, meine Frau Flora D’Souza. Wir haben uns bei der Anmeldung in Ulrike Reimers Büro kennengelernt und sind seit 24 Jahren zusammen. Wir könnten nicht unterschiedlicher sein, sind uns aber bei den wirklich wichtigen Themen immer einig. Unterschiedliche Herkunft, unterschiedliche Instinkte, unterschiedliche Vorlieben. Der Kontrast ist das, warum es funktioniert, insbesondere in einem Umfeld wie dem an der IUB. Umgeben von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, mit unterschiedlichen Ansichten, lernt man schnell sich mit diesen Unterschieden auseinander zu setzen und damit umzugehen. Diese Fähigkeit begleitet uns seitdem und hat unseren gemeinsamen Weg immer bereichert.
Apropos kulturelle Unterschiede – du bist nach deinem Abschluss nicht nur in Deutschland geblieben, sondern hast ein erfolgreiches Unternehmen gegründet und führst es auch hier. Welchen Einfluss hatte deine Zeit an der Constructor University auf diese Entscheidung?
An der Uni habe ich die beste Seite der deutschen Gesellschaft kennengelernt: frei, gerecht und respektvoll. Das hat die Entscheidung zu bleiben deutlich vereinfacht. Wenn man diese Version einmal gelebt hat, ist es einfacher an anderer Stelle Einbußen in Kauf zu nehmen.
Mit Blick auf deine eigenen Erfahrungen, würdest du Constructor University als Trittbrett für globale Talente zum deutschen und europäischen Arbeitsmarkt sehen?
Die Landung ist auf jeden Fall weich. Für viele internationale Talente scheidet Deutschland schon allein aufgrund der Sprachbarriere aus. Constructor hilft dabei diese Hürde zu überwinden und verschafft den Leuten zumindest einen Fuß in der Tür. Um das volle Potenzial auszuschöpfen, könnte Constructor noch einen Schritt weiter gehen und seine Absolvent*innen aktiver mit Wirtschaft, Sprache und Langzeitmöglichkeiten in Deutschland und Europa in Kontakt bringen.
Haben Constructor Universitys Eigenschaften als kleine, private, internationale Campusuniversität in Deutschland deine Karriere noch anderweitig beeinflusst?
Auf Englisch zu studieren hat uns die Möglichkeit gegeben, uns auf die Inhalte zu konzentrieren, anstatt mit der Sprachbarriere zu kämpfen. Der Nachteil ist offensichtlich – ich bereue es heute nie richtig Deutsch gelernt zu haben. Am wertvollsten aber war der interdisziplinäre Ansatz, der an der Universität im Vordergrund steht. Die Fähigkeit, ein Problem von verschiedenen Gesichtspunkten zu betrachten, wird unterschätzt - ich nutze diese tatsächlich täglich. Rückblickend waren die Inhalte weit weniger relevant als das Umfeld, das die Universität geschaffen hat. Wir lernten unter Druck zu arbeiten, zusammen zu arbeiten, und mit Menschen umzugehen, mit denen wir absolut nicht einer Meinung waren. Daraus bestand das wahre Curriculum.
Mit Blick auf die nächsten 25 Jahre und die heutigen globalen Herausforderungen, wie kann Constructor University weiterhin positiven und nachhaltigen Einfluss auf die Welt nehmen?
Erwachsene mit Charakter ausbilden. Damit meine ich, die Studierenden mit Situationen zu konfrontieren, die das wahre Leben abbilden und ihnen anhand dieser zu zeigen, wie ein guter Umgang damit aussieht. Fordert sie heraus, damit sie verstehen, wie sie über sich hinauswachsen können. Lehrt sie nicht nur Wissen, sondern Anpassungsfähigkeit, Durchhaltevermögen und Zusammenarbeit. Ein Großteil von dem, was heute gelehrt wird, wird in fünf Jahren dank KI irrelevant sein, jedoch nicht die menschlichen Fähigkeiten. Unis wie Constructor, die anpassungsfähig, unternehmerisch und divers sind, haben einzigartige Voraussetzungen dafür ein solches Umfeld zu schaffen.
Was würdest du Studierenden raten, die einen unternehmerischen Weg in Deutschland gehen wollen?
Drei Dinge: Erstens, werde Experte auf deinem Gebiet, und zwar nicht nur oberflächlich. Egal ob Finanzen, Logistik, Fertigung oder etwas anderes, Tiefe ist wichtig. Die Zeit, in der “einfach mal was Programmieren und es Start-up nennen” funktioniert, ist weitestgehend vorbei. Das kann KI heute schneller und kostengünstiger. Zweitens, baue mindestens drei Jahre finanziellen Puffer auf, bevor du loslegst. Start-ups werden in Deutschland zwar grundsätzlich unterstützt, der Kapitalmarkt ist jedoch konservativ. Alles dauert länger als du denkst. Drittens, baue frühzeitig dein Netzwerk auf. Das geht fast schneller als alles andere – denn ein Ort wie Constructor mit einem über 20 Jahre gewachsenen Alumni Netzwerk, ist einer der besten Startpunkte, den du haben kannst.
Vielen Dank für deine Zeit, Neil!