25 Jahre Constructor University: Dr. Binyam Mogessie – Der Wissenschaftler
Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Constructor University stellen wir Alumni aus jedem Abschlussjahrgang vor, um die Vielfalt, Werte und Wirkung zu zeigen, die Constructor-Absolvent*innen in die Welt getragen haben. Hier finden Sie die vorherigen Artikel:
- 2004: Aakash Jain
- 2005: Neil D’Souza.
- 2006: Joanna Bagniewska
Aus der Abschlussklasse 2007 stellen wir Dr. Binyam Mogessie, einen preisgekrönten Wissenschaftler und Professor für Molekular-, Zell- und Entwicklungsbiologie sowie für Geburtshilfe, Gynäkologie und Reproduktionswissenschaften an der Yale University, USA, vor.
Über Mich:
- Abschlussjahr: 2007
- Studiengang: Biochemie und Zellbiologie
- College: Mercator
- Größte Umstellung beim Umzug nach Deutschland: Dass Menschen sich auf der Straße nicht grüßen.
- Bedeutender sozialer Moment: Die Einführung von Facebook.
- Ein*e Professor*in, dem/der ich gerne ein Bier ausgeben würde: Professor Sebastian Springer.
- Der Kurs von dem ich immer noch Albträume habe: European History.
- Mein stolzester Moment: European History zu bestehen!
Dr. Binyam Mogessie verbrachte einen Großteil seiner Kindheit im Mikrobiologie Labor seines Vaters auf dem Universitätscampus von Addis Abeba, Äthiopien, wo er zusammen mit seinem Bruder aufgewachsen ist. Heute, als Leiter seines eigenen Forschungslabors an der Fakultät für Kunst und Wissenschaften an der Yale University, trägt Dr. Mogessie mit seiner Forschung dazu bei, die Grenzen der menschlichen Reproduktions- und Fruchtbarkeitswissenschaften zu verschieben.
Es ist ein poetischer Moment, in dem sich der Kreis schließt – möglich gemacht durch den Mut und die Ausdauer, mit denen er sich seinen Weg in der akademischen Welt ebnete: von der anfänglichen Entscheidung, Äthiopien zu verlassen, um an einer kleinen deutschen Universität namens Jacobs zu studieren, über einen ambitionierten Postgraduierten-Weg durch die University of London, Cambridge, das Max-Planck-Institut und die University of Bristol, bis hin zu seiner aktuellen Professur an der Yale University.
Auf seinem Weg gewann Dr. Mogessie zahlreiche internationale Preise und Auszeichnungen, setzte sich für Diversität und Repräsentation in der Wissenschaft ein und trug signifikant zu seinem Forschungsfeld bei.
Wir haben mit Dr. Mogessie über die Gesamtsumme individueller Entscheidungen, das transformative Potenzial einer Verlängerung der biologischen Uhr und darüber, das eigene Glück zu priorisieren gesprochen.
Anlässlich unseres 25-jähringen Jubiläums beschäftigen wir uns mit dem Thema Entscheidungsfindung. Welche Entscheidungen haben dir geholfen, deinen Lebensweg zu gestalten?
Eine der einflussreichsten Entscheidungen war definitiv die, als Teenager aus Äthiopien im Ausland studieren zu wollen, obwohl die finanziellen Mittel knapp bemessen waren und ich keine klare Vorstellung davon hatte, wie so etwas ablaufen könnte. Ich bewarb mich an 83 Universitäten in den USA und an der Jacobs University, da ich insbesondere nach Einrichtungen suchte, die Vollstipendien anboten.
Nur die Jacobs University gab mir eine Zusage und machte den Umzug entsprechend realistisch. Es gibt also eine direkte Verbindung zwischen dieser Entscheidung und allem, was darauf folgte. Ohne die Jacobs University hätte ich sicher nicht das Leben und die Karriere, die ich heute habe.
Das klingt nach einer gesunden Erinnerung an den Wert von Durchhaltevermögen und dass Erfolg manchmal bedeutet, 83 mal Nein zu hören, bevor das Ja kommt, das alles verändert!
Rückblickend ist es interessant, dass einige der Universitäten, die meine Bewerbung damals abgelehnt haben, mich nun einladen, um Vorlesungen und Seminare zu halten. Das Leben schon einen komischen Sinn für Humor!
Wenn du heute als erfahrener Wissenschaftler zurückblickst, wie haben die frühen Jahre deine Beziehung zur akademischen Welt und deinen Erfolg in der Forschung beeinflusst?
Als ich an der Jacobs University ankam, wurde mir schmerzlich bewusst, dass der Zugang zu einer Institution und das Vertrauen dieser Institution in einen selbst nicht immer dasselbe sind. Oft gibt es unausgesprochene Annahmen darüber, wer für den akademischen Erfolg bestimmt zu sein scheint und wer nicht. Ich wurde nicht unbedingt als zukünftiger Wissenschaftler oder Professor gehandelt. Diese Erfahrung hat mich nachhaltig geprägt.
Im Laufe der Zeit lernte ich, weniger auf externe Anerkennung zu bauen, sondern meine Ambitionen auch zu verfolgen, wenn andere skeptisch waren. Diese Einstellung ist eine der größten Stärken meiner Laufbahn geworden. Die Arbeit meines Labors ist dafür bekannt, Fragen zu erforschen, die andere initial als zu schwierig, unkonventionell oder gar unrealistisch einschätzten.
Woher nahmst du das Selbstbewusstsein, deine Ambitionen trotz externer Skepsis zu verfolgen? War dies Teil deiner Erfahrung an der Jacobs University oder kam das erst später?
Eine der eindrucksvollsten Dinge, die ich von meiner Zeit an der Jacobs University mitgenommen habe, war eine Unterhaltung mit einem meiner Betreuer, die ich auch lange nach meinem Abschluss nicht vergessen habe. Er hat mir klar gesagt, dass welchen Weg auch immer ich einschlagen würde, ich immer sicherstellen sollte, dass ich damit wirklich glücklich bin, denn eine Person kann augescheinlich alles haben und doch fundamental unglücklich sein. Er sagte es damals auf noch direktere und eindrucksvollere Weise.
Was mich damals so beeindruckt hat, war nicht nur der Rat selbst, sondern die Tatsache, dass es ihm so wichtig war, dies überhaupt anzusprechen. Er hätte sich nicht so sehr um das langfristige Glück oder das Leben abseits der Wissenschaft eines seiner Studenten sorgen müssen. Bis dahin hatte ich noch nie einen Professor so offen und persönlich sprechen hören.
Wie hat sich dieser Rat seitdem in deinen Entscheidungen und deinem Vorgehen widergespiegelt?
Diese Sichtweise hat mich durch meine Promotion und meine Postdoc-Jahre begleitet – Zeiten, die oft viel härter waren, als sie hätten sein müssen. Es gab Phasen echter Ungewissheit und Erschöpfung, und Momente, in denen ich ernsthaft darüber nachgedacht habe, die Wissenschaft komplett zu verlassen. Aber selbst in den schwersten Zeiten hat mich die eigentliche wissenschaftliche Arbeit – das Entdecken neuer Dinge und das Nachdenken über komplexe Probleme – immer wieder glücklich gemacht. Das hat mich durchgebracht.
Es entbehrt nicht gewisser Ironie, dass ich meinen eigenen Nachwuchswissenschaftlern heute ganz ähnliche Ratschläge gebe. Aus Erfahrung kann ich sagen: Es ist enorm wichtig, den eigentlichen Prozess der Arbeit zu lieben. Denn Ehrgeiz, Prestige und Anerkennung von außen reichen selten aus, um jemanden allein durch die schwierigen Phasen einer wissenschaftlichen Karriere zu tragen.
Rückblickend hat dieses Gespräch meine Karriere wahrscheinlich stärker geprägt, als uns beiden damals klar war.
Dein Leben hätte wahrscheinlich ganz anders ausgesehen, wenn du damals von einer der größeren amerikanischen Universitäten angenommen worden wärst. Wie wurde deine Erfahrung von deinem Studium an einer kleinen, höchst internationalen Universität geprägt?
Die kleinen Kursgrößen an der Jacobs University haben einen enormen Unterschied für meine Ausbildung gemacht. Die Lehre war interaktiv und diskussionsorientiert, statt den Studierenden Informationen einfach nur frontal zu vermitteln. In mehreren Kursen flossen die Beiträge zu den Diskussionen im Unterricht in die Note ein. Das schuf eine Atmosphäre, in der von uns erwartet wurde, uns aktiv mit Ideen auseinanderzusetzen, anstatt den Stoff nur passiv aufzunehmen.
Genau dieses hohe Maß an Engagement setzte sich in der Laborlehre und in der Forschung fort. Die Professoren arbeiteten eng mit den Studierenden zusammen, und es gab eine Zugänglichkeit, die an großen, traditionsreichen Universitäten ziemlich selten ist. Während der Arbeit an meiner Bachelorarbeit habe ich zum Beispiel direkt mit Professor Sebastian Springer zusammengearbeitet und sogar gemeinsam mit ihm im Labor experimentiert. Wenn ich heute als Leiter meines eigenen Forschungslabors darauf zurückblicke, kann ich sagen, dass er früher in seiner Karriere ein außergewöhnlich guter Nachwuchswissenschaftler gewesen sein muss – denn er besaß den natürlichen Instinkt, Wissenschaft durch aktiven Austausch statt durch Hierarchien zu vermitteln.
Gibt es Aspekte dieses Ansatzes, die du gerne häufiger an größeren, etablierteren Institutionen wie Yale sehen würdest?
Viele dieser Erfahrungen sind an weltweit angesehenen Institutionen – einschließlich Orten wie Yale – überraschend selten, schlicht weil die schiere Größe die Art des Lehrens verändert. Große Vorlesungen machen diese Art der Interaktion sehr schwierig.
Mein eigener Lehrstil ist bis heute stark davon geprägt, wie ich an der Jacobs University unterrichtet wurde. Ich versuche, Vorlesungen wie aktive Gespräche zu gestalten, bei denen die Studierenden intellektuell gefordert sind, statt nur anonyme Zuschauer im Publikum zu sein. Manchmal glaube ich, dass Universitäten unterschätzen, wie transformativ das sein kann. In einem System, das sich zunehmend auf Noten, Kennzahlen und Skalierbarkeit konzentriert, kann der Vorschlag, dass Diskussion und Beteiligung eine Hauptrolle beim Lernen spielen sollten, für den Status quo fast schon abwegig klingen – obwohl es oft einer der effektivsten Wege ist, um wirklich zu lernen.
Ein Großteil deiner Forschung konzentriert sich auf Unfruchtbarkeit. Wie hast du deine Leidenschaft für dieses Fachgebiet entdeckt?
In vielerlei Hinsicht wurde mir klar, dass die weibliche Meiose – der zelluläre Prozess, durch den menschliche Eizellen entstehen – das genaue Gegenteil von dem war, was mir früher beigebracht worden war. Statt eines gelösten oder statischen Themas hat sie sich als ein wunderschönes, hochkomplexes biologisches System herausgestellt, das etablierte Annahmen immer wieder infrage stellt – was wahrscheinlich auch meine allgemeine Einstellung zur Wissenschaft widerspiegelt. Aber meine Reise in dieses Fachgebiet begann schon viel früher.
Ich kann mein Interesse an der mechanistischen Zellbiologie bis zu meiner Zeit als Student der Biochemie und Zellbiologie an der Jacobs University zurückverfolgen. Damals faszinierte mich, wie sich Zellen intern organisieren und hochpräzise Prozesse wie die Zellteilung ablaufen lassen.
Während meiner Promotion untersuchte ich, wie sich das Zytoskelett – ein komplexes Netzwerk aus Filamenten, das der Zelle Form und Struktur verleiht – während der Teilung in menschlichen somatischen Zellen reorganisiert (also den gewöhnlichen Körperzellen, aus denen der Großteil unseres Körpers besteht). Gegen Ende meiner Promotion wuchs mein Interesse an der Chromosomensegregation. Mir war jedoch klar, dass ich nicht im konventionellen Bereich der somatischen Zellteilung bleiben wollte, da sich dieses Feld bereits überlaufen anfühlte und ich glaubte, dort keinen einzigartigen, bedeutenden Beitrag mehr leisten zu können.
Die Chromosomensegregation findet durch die Meiose auch in Fortpflanzungszellen statt. Es entbehrt nicht gewisser Ironie, dass ich die Meiose während meiner Schul- und Studienzeit immer langweilig fand, weil sie meist auf das bloße Kopieren und Neukombinieren von DNA reduziert wurde. Doch genau zu dieser Zeit enthüllten fortschrittliche mikroskopische Untersuchungen an Säugetier-Eizellen etwas Unerwartetes: eine hochorganisierte Struktur aus Aktinfilamenten, die den Apparat für die Chromosomensegregation umgab.
Da ich aus der Zytoskelett-Biologie kam, fand ich das absolut faszinierend und war ehrlich gesagt schockiert, dass niemand verstand, welche Funktion diese Struktur hatte. Das war mein echter Aha-Moment.
Ein wesentlicher Teil meiner Karriere konzentriert sich seitdem darauf, diese Struktur zu verstehen. Später entdeckte ich, dass sie für die Produktion gesunder Eizellen unerlässlich ist. Sie verhindert Fehler bei der Chromosomensegregation, die mit Unfruchtbarkeit, Fehlgeburten und genetischen Störungen in Verbindung gebracht werden, und sie baut sich mit zunehmendem Alter der Mutter ab.
Wenn du 25 Jahre in die Zukunft reisen und auf deine Arbeit zurückblicken könntest, welche Art von Beitrag oder Auswirkung würdest du dir erhoffen?
Wenn ich in 25 Jahren auf heute zurückblicken könnte, würde ich hoffen, dass meine Arbeit einen sinnvollen Beitrag zur Verlängerung der weiblichen reproduktiven Lebensspanne geleistet hat, und sei es auch nur in bescheidenem Maße. Die gesunde weibliche Fruchtbarkeit auch nur um fünf Jahre zu verlängern, könnte das Leben vieler Frauen und ihrer Familien grundlegend verändern.
Das weibliche reproduktive Altern ist eine der folgenreichsten, aber am wenigsten offen diskutierten Ursachen für Ungleichheit in unserer Gesellschaft. Frauen sind oft gezwungen, Entscheidungen über Familie und Karriere unter biologischen Zwängen zu treffen, mit denen Männer nicht in gleicher Weise konfrontiert sind. Lange Zeit wurde diese biologische Uhr fast wie eine unvermeidliche, feste Grenze behandelt. Doch das Verständnis ihrer molekularen Grundlagen legt nahe, dass sie möglicherweise veränderbar sein könnte.
Diese Frage fühlt sich für mich besonders wichtig an. Denn abgesehen von der Jacobs University wurde ich fast ausschließlich von Wissenschaftlerinnen ausgebildet, und mein heutiges Labor besteht komplett aus Forscherinnen, die viele unserer Entdeckungen vorantreiben. Ihre wissenschaftliche Kreativität, Strenge und Führungsqualität machen es unmöglich, nicht zu erkennen, wie viel wissenschaftliches Potenzial der Gesellschaft historisch gesehen wahrscheinlich verloren gegangen ist – bedingt durch den altersbedingten Rückgang der weiblichen Fruchtbarkeit und die strukturellen Einschränkungen, die damit einhergehen. Man kann gar nicht anders, als sich zu fragen, wie viel weiter das menschliche Wissen heute sein könnte, wenn Wissenschaft und Gesellschaft im Laufe der Karrieren von Frauen in vollem Umfang von deren Beiträgen profitiert hätten.
Gleichzeitig tritt die Menschheit in einen großen demografischen Wandel ein. Die Bevölkerung altert weltweit, und in vielen Teilen der Welt sinken die Geburtenraten. Das reproduktive Altern ist daher nicht nur ein persönliches oder medizinisches Problem, sondern zunehmend ein gesellschaftliches.
Die Altersforschung hat sich verständlicherweise stark auf die Verlängerung der Lebensspanne und die Reduzierung altersbedingter Krankheiten konzentriert. Aber das reproduktive Altern verdient ein ähnliches Maß an wissenschaftlicher Aufmerksamkeit und Dringlichkeit. Ich würde gerne glauben, dass meine Arbeit in einigen Jahrzehnten beim Rückblick dazu beigetragen hat, dieses Feld voranzubringen und das zu verändern, was Frauen biologisch für ihr eigenes Leben wählen können.
Das klingt nach einer unglaublich wertvollen Arbeit, und wir wünschen dir für deine Vorhaben von Herzen alles Gute. Vielen Dank für deine Zeit, Binyam!
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