25 Jahre Constructor University: Joanna Bagniewska, die Kommunikatorin

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Alumna der Abschlussklasse 2006: Joanna Bagniewska ist erfolgreiche Wissenschaftskommunikatorin und Dozentin für Umweltwissenschaft an der Oxford University in England.
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Alumna der Abschlussklasse 2006: Joanna Bagniewska ist erfolgreiche Wissenschaftskommunikatorin und Dozentin für Umweltwissenschaft an der Oxford University in England.(Quelle: Constructor University)

Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Constructor University stellen wir Alumni aus jedem Abschlussjahrgang vor, um die Vielfalt, Werte und Wirkung zu zeigen, die Constructor-Absolvent*innen in die Welt getragen haben. Hier finden Sie die Artikel über die Absolventen der Jahre 2004 und 2005.

Diese Woche stellen wir Joanna Bagniewska, erfolgreiche Wissenschaftskommunikatorin und Dozentin für Umweltwissenschaft an der Oxford University in England, aus der Abschlussklasse 2006 vor.

Über mich:

  • Abschlussjahr: 2006
  • Studiengang: Biologie  
  • College: College 3 im Gründungsjahr  
  • Eine besondere Erinnerung: An meinem ersten Geburtstag auf dem Campus, versteckten sich alle aus dem College auf dem Flur vor meinem Zimmer und klopften um Mitternacht, um mir zu gratulieren.
  • Ein*e Professor*in, dem/der ich gerne ein Bier ausgeben würde: Da gibt es viele! Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich Prof. Dr. Victor Benno Meyer-Rochow wählen, um über die Hintern von Seegurken und Pinguinkacke zu sprechen.
  • Beste Aktion zum Entspannen: Mein Freund Leon und ich haben uns oft schick gemacht und sind zum Essen in die Krupp Mensa gegangen. Wir haben ein richtiges Event mit Kerzen und Weingläsern daraus gemacht. Manchmal haben wir anstelle der schicken Klamotten auch Clown Kostüme angezogen.
  • Meine Constructor Erfahrung in 3 Worten: tieferes Verständnis schaffen.

Als Joanna im Jahr 2003 an der International University Bremen (IUB) ankam, fühlte es sich eher nach einem Experiment als nach einer etablierten Einrichtung an. Sie war eine von drei Studierenden im Studiengang Biologie. In diesen frühen Tagen hätte die IUB nicht weiter entfernt von Oxfords Ansehen und jahrhundertelanger Tradition sein können. Und dennoch fand Joanna an dieser tapferen, jungen Universität eine Stärke, die ihr helfen würde, einen Weg von Bremen in die heiligen Hallen von Oxford zu finden: ihre Stimme.  

Wir haben mit Joanna darüber gesprochen, was sie an der Constructor University über das Erheben der eignen Stimme, das Herausstechen aus der Masse und dem Zubereiten von Pfannkuchen als Mittel zur Völkerverständigung gelernt hat.  


Deine Begeisterung für die Tierwelt und ihre Wissenschaft ist deutlich spürbar und hat dir geholfen, eine erfolgreiche Karriere als Wissenschaftskommunikatorin einzuschlagen. Kannst du diesen Enthusiasmus auf deine Zeit als Biologiestudentin an der Constructor University (damals International University Bremen) zurückführen?

Die früheren Jahre sehe ich als eine Art Reise zwischen Entdecken und Ausschließen, die mich letztendlich zu einem Thema geführt haben, für das ich brenne. Ein prägender Moment der Entdeckung war definitiv der Kurs “General Biology” in meinem ersten Jahr bei Prof. Dr. Victor Benno Meyer-Rochow, bekannt als Ig-Nobelpreisträger für seine großartige Arbeit “Pressures Produced When Penguins Poo—Calculations on Avian Defecation”. Wie man sich vorstellen kann, war dieser Kurs eine wilde Reise durch die Welt verschiedenster taxonomischer Gruppen, für die ich mich wahrscheinlich nie interessiert hätte, wäre Prof. Meyer-Rochow nicht so begeistert davon gewesen.  

Eine weitere wichtige Erfahrung, die ich während meines Studiums an der IUB gemacht habe, ist herauszufinden wofür ich mich nicht so sehr interessiere, in diesem Fall die laborbasierte Biochemie sowie Zellbiologie, die Schwerpunkte in unserem Studium waren. Je weiter ich in meinem Studium kam, desto weiter entfernte ich mich von diesen Themen und realisierte, wofür ich mich wirklich interessierte, nämlich für ganze Organismen und ihren natürlichen Lebensraum.  

Dann gab es da noch einen Kurs in meinem dritten Jahr: “Einführung in die Entomologie” (Anm. D. Red.: Insektenkunde) von Hans-Bert Schikora, Gastdozent der Universität Bremen. Er war brillant, allerdings war zu dem Zeitpunkt in unserem Studiengang kein Platz für Entomologie. Es stellte sich zudem heraus, dass nicht viele meinen Enthusiasmus für Insekten teilten, doch ich fand es so faszinierend, dass ich dem Professor Jahre später, als ich meinen eigenen Kurs in Entomologie unterrichtete, eine Email schrieb, um ihm mittzuteilen, wieviel mir der Kurs damals bedeutet hatte und wie sich für mich ein Kreis schloss, nun da ich diese Ansätze in meiner eigenen Lehre anwendete.  

Ich würde also sagen, dass diese beiden Kurse mich besonders beeinflusst haben, nicht nur akademisch, sondern auch auf meinem Weg zur Dozentin und Wissenschaftskommunikatorin, weil sie mir gezeigt haben, wie effektiv und ansteckend wahres Interesse bei der Vermittlung von Wissenschaft sein kann.

Du bist eine der wenigen Alumni, die die Universität in ihrer Anfangszeit erlebt haben. Wie würdest du die Erfahrung als Studentin an der International University Bremen in ihren ersten Jahren charakterisieren?  

Es war zäh, im besten Sinne. Wir wussten nicht einmal, ob die Uni überlegen würde und mussten alles proaktiv angehen. Wir haben früh gelernt, für uns selbst einzustehen, denn wenn wir das nicht getan hätten und das Experiment gescheitert wäre, wo wären wir dann gelandet? Hätten wir an einer etablierten Einrichtung noch einmal ganz von vorn angefangen, um einen Abschluss zu bekommen? Diese Ungewissheit zwang uns, uns auf eine Weise einzubringen, wie wir es an anerkannten Universitäten vermutlich nie getan hätten.  

Der unternehmerische Gedanke war überall verankert. Wenn man etwas wollte, musste man sich selbst darum kümmern. Niemand hat einen aufgehalten. Es gab keine Formulare oder endlose bürokratische Genehmigungsschleifen. Du willst einen Club gründen? Super, dann gründe einen Club! Du willst eine Vorstellung geben? Dann mal los! Es war so viel einfacher im Vergleich zu etablierten Institutionen, an denen man schon ausgelaugt war, bevor man überhaupt richtig angefangen hatte, weil es so viele Vorschriften zu beachten gab.  

Kannst du ein konkretes Beispiel für diesen unternehmerischen Ansatz geben?

Klar! Ich studierte mit nur zwei weiteren Studierenden Biologie. Wie schon gesagt, war der Lehrplan sehr labororientiert, mit vielen biochemischen und molekularen Inhalten. Ich hatte Schwierigkeiten, mich in die Themen einzudenken, denn ich wollte mich lieber mit ganzen Organismen und Tieren in ihrem natürlichen Lebensraum beschäftigen. Ganz im IUB-Stil, dachte ich mir: “Dann kümmere ich mich eben selbst drum!”  

Ich recherchierte ein wenig und fand einen Kurs zu Tierverhalten am anderen Ende von Deutschland, in Nürnberg. Ich ging einfach zu meinen Professoren und sagte: “Es gibt hier eine Lücke im Curriculum. Die Universität hat nicht die Möglichkeit Tierverhalten zu unterrichten, daher habe ich einen Ort gefunden, an dem dies möglich ist. Können Sie mich für zehn Tage freistellen, damit ich nach Nürnberg reisen kann, um daran teilzunehmen? Und würde die Universität die Kosten dafür übernehmen?”

Sehr zu meiner Überraschung, stimmte die Uni zu. Ich konnte es damals kaum glauben und finde es rückblickend noch unglaublicher. Aber genau das ist der Sinn hinter “Wer nicht wagt, der nicht gewinnt”. Der Kurs öffnete mir die Türen, um an der University of New South Wales in Australien und der Rice University in Texas, USA zu studieren. So wurde ich zur Zoologin, und das nur, weil ich unzufrieden mit dem Angebot war und meinen eigenen Weg gegangen bin. Natürlich mit wertvoller Unterstützung meiner Professoren, die mich darin ermutigten, meiner Passion zu folgen. Die Unterstützung bedeutete mir wirklich viel, da meine Interessen ja von ihren eigenen abwichen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Erfahrung auch an einer anderen Universität gemacht hätte und das hat mich für mein Leben geprägt.  

Welchen Einfluss hatte deine Erfahrung ein Teil dieser rudimentären, noch unfertigen Universität zu sein, darauf, wie du später im Leben Herausforderungen angegangen bist?

Gegen Ende meines Bachelorstudiums, als ich schon die Zusage von Oxford hatte, wurde ich zu einer Konferenz eingeladen, um ein Poster zu präsentieren. Die Menschen waren schon generell nett zu mir, aber als Bachelorstudentin wird man in solch einem Umfeld eben nur bis zu einem gewissen Grad ernst genommen. Sobald ich aber erwähnte, dass ich in Oxford angenommen wurde, änderte sich ihr Verhalten, als würden sie denken: “Ach okay, es lohnt sich also, ihr Aufmerksamkeit zu schenken.”

Diese Erfahrung lehrte mich, dass meine Kommiliton*innen und ich einen sehr viel gesünderen Startpunkt hatten, dadurch, dass wir Außenseiter waren und viel dafür tun mussten, gehört zu werden. Wir konnten uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen. Wenn ich in Oxford gestartet wäre, hätte ich wahrscheinlich gedacht: “Ich bin ja schon hier, also gehöre ich zu den Besten.” An der IUB mussten wir uns durch unser Engagement beweisen und nicht einfach nur durch den Namen auf unserem Abschlusszeugnis.  

Jetzt bist du tatsächlich in Oxford, einer der ältesten und renommiertesten Universitäten der Welt. Wie würdest du das Umfeld dort mit dem an der IUB vergleichen?

Oxford hat eine große Anzahl von internationalen Mitarbeitenden und Studierenden. Allein aufgrund der Proportionen könnte man sagen, dass Oxford so international wie die Constructor University heute ist und dennoch ist Oxford keine “internationale Universität”. Es ist eine britische Uni mit vielen internationalen Mitgliedern, das ist nicht dasselbe.

Was meinst du damit? Was macht die Constructor University durch und durch international?

Hier muss sich keiner an eine bestimmte Nationalität oder bestimmte kulturelle Normen anpassen. Alle werden darin bestärkt, ihre Kultur zu feiern, darüber zu sprechen und sie anderen nahezubringen. Ich glaube nicht, dass es viele andere Orte gibt, wo man mit verschiedenen Nationalitäten in Kontakt kommt und die Unterschiede tatsächlich zelebriert werden. Das hat sich in unserer Art zu studieren, zu arbeiten und zu forschen widergespiegelt. Die Art wie Menschen Entscheidungen treffen, kommunizieren, und mit Hierarchie (vorhanden oder nicht) oder Risiko umgehen, ist massiv beeinflusst von ihrer Erziehung und kulturellen Erfahrung. Wir haben viel daraus gelernt, in einem Umfeld zu sein, in dem diese Unterschiede nicht als “richtig” oder “falsch” eingestuft werden, sondern einfach als Unterschiede, die offen angesprochen werden und mit denen ein gemeinsamer Umgang gefunden werden muss.  

Wie sah das in der Realität aus? Kannst du ein Beispiel für diese Art von Internationalität in Aktion geben?

Klar! In der Orientierungswoche wurden wir in Kleingruppen eingeteilt. Unser Gruppenleiter Szymon gab uns die Aufgabe, zusammen Pfannkuchen zu machen und stellte uns die Frage: Wie bereitet ihr Pfannkuchen zu? In unserer Gruppe mit sieben Leuten aus aller Welt, kamen dabei sieben Rezepte mit sieben verschiedenen Zubereitungsarten heraus.  

Kommt Zucker in den Teig? Werden sie in Öl gebraten oder kommt Öl in den Teig? Welches Mehl wird benutzt? Werden Eier verwendet? Sind sie fluffig oder flach? Sogar die Definition, was ein Pfannkuchen überhaupt ist, stand zur Debatte. Isst man sie mit Sahne und Erdbeeren oder doch herzhaft?

Eigentlich eine banale Aufgabe und doch augenöffnend. Die Konfrontation mit unterschiedlichen Realitäten, Hintergründen und Perspektiven zog sich durch mein gesamtes Studium an der IUB. Es hat mir dabei geholfen, zu verstehen, was andere Menschen antreibt. Das hilft mir auch enorm bei der Wissenschaftskommunikation.  

Dann sollte Einführung ins Pfannkuchen backen wohl in den Lehrplan aufgenommen werden. Denkst du, dass sich die Notwendigkeit für interkulturelles Verständnis über die letzten 20 Jahre verändert hat?

Ich glaube, es ist wichtiger denn je! Die grundlegenden Probleme, die wir heutzutage haben, kommen von Isolation, Einsamkeit und dem Mangel an gemeinsamen Erfahrungen. Wir leben in “bubbles”. Unser Social Media Algorithmus stellt uns die Inhalte zusammen, die wir sehen wollen und so interagieren wir weitestgehend mit Menschen, die derselben Meinung sind wie wir, aber das ist nicht die Realität. Als ich im Bachelor war, war Facebook gerade brandneu und eine ganz andere Welt. Wenn man nicht aktiv auf Menschen zugeht, die anderes als man selbst sind, passiert das heutzutage nicht mehr unbedingt automatisch und man fährt in eine mentale Sackgasse.  

Die IUB war darauf ausgelegt, dass man von Tag eins mit neuen kulturellen Erfahrungen und Interaktionen konfrontiert wird. Du konntest einen Mitbewohner haben, der komplett anders aufgewachsen ist, mit anderen Prioritäten, Werten, einem anderen Glauben und Sauberkeitsverständnis - einfach alles anders.  

Und ja, das war manchmal auch unangenehm, aber ich denke, dass diese Art von Unbequemlichkeit auch gut für Menschen ist. Beim Lernen geht es nicht darum, es möglichst angenehm zu haben, sondern darum, neue Dinge auszuprobieren und Herausforderungen anzunehmen. Ich hatte eine polnische Freundin, deren Mitbewohnerin aus Trinidad und Tobago kam und anfangs einen sehr starken karibischen Akzent hatte. So mussten sie in den ersten Monaten alles aufschreiben, weil sie sich gegenseitig nicht verstanden. Aber sie haben zusammen eine Lösung gefunden, weil sie mussten, und es war eine sehr positive Erfahrung für beide.

Wenn du auf deine Zeit an der IUB zurückblickst, gibt es etwas, dass du heute anders machen würdest?  

Ehrlich gesagt, denke ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Tatsache ist, dass ich mich dazu durchgekämpft habe, Zoologin zu werden, weil ich unzufrieden damit war, Biochemie zu studieren. Ich habe es dank der Unterstützung meiner Professoren geschafft, die sagten: “Klar, geh nach Australien, geh nach Texas und mach dein Ding!” Auch wenn ich anfangs nicht den akademischen Hintergrund dafür hatte, ermutigten sie mich dazu es trotzdem durchzuziehen. Diese “einfach fragen” Mentalität habe ich beibehalten und sie hat mir über die Jahre viel gebracht.  

Was würdest du den Studierenden an der Constructor University heute raten?

Erstens, hab keine Angst davor nach dem zu fragen, was du willst. Das Schlimmste, was passieren kann, ist dass die Antwort Nein lautet, und das tut sie ebenso, wenn du gar nicht erst fragst. Aber was, wenn sie Ja lautet? Dann geht es erst richtig los.  

Zweitens, und das ist vielleicht noch wichtiger, baue Beziehungen auf und schätze sie wert. Ganz einfach gesagt, geht es in jedem Job, in jedem Leben um Beziehungen – darum, wie wir sie angehen, aufbauen und pflegen. Nutze den Vorteil, in diesem einzigartigen Umfeld zu sein, umgeben von Menschen unterschiedlichster Herkunft. Toleriere die Unterschiede nicht einfach, sondern erlebe sie, lerne sie kennen, lerne davon und lass sie dich herausfordern.  

Vielen Dank für deine Zeit, Joanna!

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